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17.07.2024, 12:07 Uhr

Arbeitszeitdiskussion neu entfacht

  • 15.05.2009
  • Allgemein

Angesichts der Wirtschaftskrise rücken Fragen um die Arbeitszeit erneut in den Vordergrund, die man auf Arbeitgebervertreter lieber abgehakt sehen würde. Vor allem die Kurzarbeit beweist derzeit unwiderlegbar stabilisierende Wirkung für den Arbeitsmarkt, ein Effekt, den man im Arbeitgeberlager lange Zeit hartnäckig abstritt und ins Gegenteil zu verkehren versuchte.

Neue Bedeutung für die Arbeitszeit

Aber auch andere Aspekt der Arbeitszeit gewinnen im Zuge der Krise neue Brisanz. Eine tarifpolitische Fachtagung der IG Metall fasste schon zu Jahresbeginn zusammen, was mit dem Fortschreiten der Krise zunehmend Eigendynamik gewinnt: "Unter den Vorzeichen der Finanz- und Wirtschaftskrise sind wir in den Feldern Arbeitszeit und Leistung mit neuen Entwicklungen konfrontiert. Um Beschäftigung zu sichern, gewinnt das Handlungsfeld Arbeitszeit eine neue strategische Bedeutung."

Widerspruch zwischen Absenkung und Entgrenzung

Schon zum Zeitpunkt der Konferenz im Februar war ein Effekt unübersehbar, der sich in den seither vergangenen Monaten noch vervielfacht hat. Während in vielen Betrieben kollektive Absenkungen der Arbeitszeit in Form von Kurzarbeit oder Tarifverträgen zur Beschäftigungssicherung Beschäftigung und Standorte stabilisieren, gibt es auf der anderen Seite weiter das Phänomen der Entgrenzung der Arbeitszeit. Ein Ende dieser Entwicklung ist aus heutiger Sicht nicht abzusehen; Produktionsrückgänge bei gleichzeitiger Produktivitätssteigerung führen zu Leistungsverdichtung.

Der erste IG Metall-Vorsitzende Berthold Huber stellt klar, dass es bei der Leistungs- und Arbeitszeitpolitik angesichts der Krise nicht um abstrakte Tarifnormen geht: "Gerade unter den Bedingungen der Krise müssen wir über Arbeitszeit- und Leistungspolitik sprechen, weil sonst Entgrenzung von Arbeitszeiten und Leistungsdruck verschärft werden, weil sonst unsere Kolleginnen und Kollegen unter die Räder kommen."

Quantität gestiegen, Qualität gesunken

Der immer härtere Wettbewerb der vergangenen Jahre macht sich bis herunter an den einzelnen Arbeitsplatz bemerkbar - Konkurrenz unter den Beschäftigten, Angst um den Arbeitsplatz und Leiharbeit sind einige Folgen. Eine andere ist die Verlängerung der realen Arbeitszeiten für Vollzeitbeschäftigte. Tarifliche und tatsächliche Arbeitszeiten driften zunehmend auseinander: Während die durchschnittliche tarifliche Arbeitszeit gesamtwirtschaftlich seit einigen Jahren bei rund 37 Stunden liegt, steigt die reale Arbeitszeit deutlich an und erreichte schon im Jahr 2006 40,3 Stunden. Hinzu kommt ein Anstieg der qualitativen Belastung, etwa durch eine deutliche Zunahme der Schicht- und Wochenendarbeit seit Beginn der 90er Jahre. Das gilt nicht etwa nur für einige Kleinbetriebe: 12-Stunden-Schichten sind auch in modernen Unternehmen wie Infineon und AMD in Dresden Praxis.

Aus Sicht der Gewerkschaften und der Beschäftigten bedeutet diese Entwicklung, dass Arbeitszeitpolitik nicht auf die Tarifpolitik beschränkt sein darf, sondern auch zum betriebspolitischen Thema wird. Neue Arbeitszeitregelungen müssen unterschiedliche Rahmenbedingungen berücksichtigen, die sich beispielsweise aus verschiedenen Tätigkeiten und individuellen Erwerbsumständen ergeben; hinzu kommen Anforderungen an die qualitative Arbeitgestaltung, etwa bei schwerer physischer Arbeit oder monotonen Arbeitsabläufen.

"Klare Handlungsanweisungen"

Aus gewerkschaftlicher Sicht ergeben sich vor diesem Hintergrund "klare Handlungsanweisungen", so Huber: "Bereiche, in denen wir mitbestimmte Entlohnungsgrundsätze haben, dürfen wir nicht abdrängen lassen in Systeme willkürlicher Beurteilung. Wir brauchen belastbare Datengrundlagen für die Beurteilung von Entgelt und Leistung. Wir wollen, dass bei den Leistungsdaten auch persönliche und sachliche Verteilzeiten, Gruppengesprächszeiten und Qualifizierungszeiten berücksichtigt werden. [...] Wir dürfen nicht die Augen vor dem schließen, was in den Betrieben mitunter geregelt wird."

Arbeitsbedingungen unter Krisendruck

Die Frage, ob es angesichts der akuten Herausforderungen überhaupt Sinn macht, sich intensiv mit Arbeitszeit und Leistung zu befassen, statt sich auf die Beschäftigungssicherungzu beschränken, beantwortet das geschäftsführende Vorstandsmitglied der IG Metall Helga Schwitzer: "Allerorten brechen Aufträge weg. Immer mehr Betriebe gehen in Kurzarbeit. Arbeiten ohne Ende? Leistung ohne Grenzen? Manche meinen, das war gestern." Das aber trifft nicht zu: "In der Krise nehmen Standortkonkurrenz und Cost Cutting zu. Die Arbeitsbedingungen werden verstärkt unter Druck geraten."

Vor dieser Herausforderung nennt Schwitzer es "unsere ureigenste Gestaltungsaufgabe als Interessenvertretung, im Sinne der Beschäftigten zu intervenieren". Kürzere Arbeitszeiten und die Nutzung von flexiblen Arbeitszeitinstrumenten sind in dieser Situation beschäftigungswirksam und helfen, die Krisenfolgen zu bewältigen - Druck auf die Beschäftigten dagegen verschärft die Krise, indem er die Menschen zusätzlich demotiviert.

Arbeitszeitverkürzung sichert Beschäftigung

Das Thema Arbeitszeit wird daher in der Krise auch aus ihrer Sicht wieder zum betrieblichen Handlungsfeld: "Was man in den letzten Jahren kaum hinter vorgehaltener Hand sagen durfte, wird jetzt durch Kurzarbeit wieder brandaktuell: Arbeitszeitverkürzung sichert Beschäftigung." Nachdem dieser Beweis unübersehbar geführt ist, muss die Frage gestellt werden, welche Konsequenzen nicht nur in, sondern auch nach der Krise daraus zu ziehen sind. Worum es dabei im Grundsatz gehen wird, ist trotz der heute schwer abzuschätzenden Dauer der Krise bereits klar: "Wir müssen dafür sorgen, dass die Arbeitszeiten nach der Krise nicht wieder ins Unermessliche hochgefahren werden."