Beim Siemens Mobility-Dialog mit Jürgen Kerner, dem 2. Vorsitzenden der IG Metall, am 6. März in Krefeld wurde schnell deutlich, wie sehr der Standort zwischen Stolz und Spannung steht. Die Beschäftigten leisten Beeindruckendes – gleichzeitig spürt das Werk die typischen Wachstumsschmerzen eines Konzerns, der sich sehr stark entwickelt.
Der Tag begann mit einem intensiven Austausch zwischen Jürgen Kerner, dem Betriebsratsvorsitzenden Jens Köstermann, Zanda Grundberg von der IG Metall Krefeld und dem zuständigen Unternehmensbeauftragten Siemens Mobility bzw. Branchenbeauftragten Bahnindustrie, Anatoli Klassen. Schon in den ersten Minuten zeigte sich: Die Kolleginnen und Kollegen haben Krefeld in eine Position gebracht, die für Siemens Mobility von zentraler Bedeutung ist. Doch genau diese Stärke löst auch Fragen aus.
Im Gespräch mit den freigestellten Betriebsrät*innen ging es offen und direkt zur Sache. Die hohe Auslastung des Werks und die zunehmende Komplexität in vielen Bereichen belasten die Belegschaften spürbar, dazu verändert die globale Werkestruktur die Rolle des Standorts. Know-how aus Krefeld ist weltweit gefragt, doch gleichzeitig darf man die eigenen Herausforderungen nicht aus dem Blick verlieren.
Ein besonderes Thema war die Frage, wie künstliche Intelligenz künftig im Betrieb eingesetzt wird. Auch hier spürt man die Wachstumsprozesse eines globalen Technologiekonzerns: Es entstehen neue Möglichkeiten – aber ebenso neue Unsicherheiten für die Mitbestimmung und Arbeitsplätze, gerade im Hinblick auf Leistungs- und Verhaltenskontrolle. „Wir werden sehr genau hinsehen, was Kollege KI im Betrieb macht – und uns schützend vor die Beschäftigten stellen“, so Jens Köstermann.
Immer wieder kam auch die Sorge über prekäre Beschäftigung zur Sprache. Viele Kolleginnen erleben, dass Fremdvergaben längst nicht mehr nur kurzfristige Engpässe überbrücken, sondern zunehmend Aufgaben übernehmen, die eigentlich zur Stammbelegschaft gehören müssten. Dieses Nebeneinander unterschiedlicher Beschäftigungsformen wie Arbeitnehmerüberlassung und Werkverträge erzeugt Unsicherheit, erschwert eingespielte Abläufe und erhöht spürbar den Druck auf diejenigen, die dauerhaft im Werk arbeiten. Für einen Standort wie Krefeld, der von Erfahrung, Stabilität und eingespielten Teams lebt, ist das mehr als ein Randthema – es geht darum, eine 2-Klassen-Gesellschaft zu verhindern. Daher wird der BR das Thema „Fremdvergabe“ auch in Zukunft sehr kritisch beobachten.
Im Anschluss traf die Delegation auf Frau Höning von der Rheinischen Post. Das Gespräch rückte die Perspektive der gesamten Bahnindustrie in NRW und Deutschland in den Mittelpunkt. Klassen und Kerner betonten, dass die Branche enormes Potenzial für Wertschöpfung und gute industrielle Arbeit hat – vorausgesetzt, der Bund schafft einen überjährigen, verlässlichen Eisenbahninfrastrukturfonds und stärkt durch klare „local-content“-Regeln regionale Wertschöpfungsketten. Auch die Rolle von Siemens Mobility innerhalb der One Tech Company wurde angesprochen: „Mobility gehört aus IG Metall-Sicht klar und fest zum Konzern.“, so Kerner.
Krefeld ist ein Leuchtturmstandort, aber globale Strategien – etwa zunehmende Aktivitäten in Indien – müssen transparent und sozial verantwortungsvoll begleitet werden und dürfen nicht zulasten des Standorts gehen. Gerade in einem Werk, das seit Jahrzehnten Qualität „Made in Krefeld“ liefert, wird jede Veränderung im globalen Footprint unmittelbar wahrgenommen.
Beim Betriebsrundgang verdichteten sich die Eindrücke. Die Hallen zeigen eindrucksvoll, wie breit und komplex die Produktion geworden ist: Hightech-Fahrzeuge, enge Zeitpläne, anspruchsvolle Integration. Der Stolz der Beschäftigten ist greifbar – aber ebenso ihr Wunsch nach mehr Wertschätzung. Die „Wachstumsschmerzen“ des Konzerns treffen hier auf die tägliche Realität derjenigen, die das Werk am Laufen halten.
Am Ende des Tages blieb ein klares Bild: Krefeld ist ein starker Standort. Er verfügt über Know-how, Erfahrung und eine hochqualifizierte Belegschaft. Doch diese Stärke braucht Rückendeckung – durch eine klare Standortstrategie, durch transparente Entscheidungen im globalen Werkegefüge und durch politische Rahmenbedingungen, die Wertschöpfung in Deutschland sichern.
Der Tag in Krefeld hat gezeigt, was Mitbestimmung leisten kann, wenn ein starkes Produkt und Investitionen zusammenkommen. Jürgen Kerner brachte es zum Abschluss auf den Punkt: „Wenn Milliarden Steuergeld in Schiene fließen, erwarten wir Local Content, Investitionen in deutsche Standorte und weniger Werkverträge.“ Krefeld hat das Potenzial dazu – und die IG Metall bleibt dran, dass es auch genutzt wird.