Siemens Dialog
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15.08.2020, 09:08 Uhr

Hang zur Doppelmoral

  • 23.11.2006
  • Allgemein

"Kleinfelds Büro gefilzt" (FTD) - wen wundert´s? Die Affäre um den Untreue- und Schmiergeldverdacht bei Siemens belebt die Debatte um Korruption als weit verbreitetes Instrument im Wettbewerb. Die allseits gezeigte Entrüstung jedoch wirkt nicht immer überzeugend.

Im Medienrummel um die sich zügig und grenzüberschreitend ausweitende Affäre bei Siemens - von 20 über 100 zu 200 Millionen Euro, von sechs über zwölf zu einer "Bande" von Beschuldigten - melden sich beinahe mehr Stimmen zu Wort, als Zeitungen und Internet unterbringen können. Die Financial Times Deutschland gibt eine Übersicht der "Skandale der letzten Jahre" heraus, begleitet von einem "Schmiergeld-Ranking ohne Sieger". Im Gegensatz zu manch anderem beschränkt man sich hier im wesentlichen auf Fakten und verkneift sich selbstgerechte Anklagen. Letztere klingen meist ohnehin nach Lippenbekenntnissen, ebenso wie eilfertige Versicherungen der PR-Abteilungen, im eigenen Unternehmen lehne man Bestechung als Mittel im Ringen um Aufträge konsequent ab.

Zu dieser Doppelmoral ein Kommentar von Wigand Cramer:

Scheinheiligkeit scheint die neueste Tugend in der Wirtschaftspresse zu sein. Allgemeine Empörung über einen ganz normalen Vorgang: Da ist ein Weltkonzern, der sich zum Ziel gesetzt hat, doppelt so schnell zu wachsen, wie das Weltbruttosozialprodukt und dabei (zumindest netto) erhebliche Gewinne macht. Dickes Lob. Das mit dem beschleunigten Wachsen geht heutzutage, auch da sind sich alle einig, nur in den Emerging Markets, sprich China, Indien, Indonesien, Russland, Arabien… Und es geht, nimmt man die Megatrends für bare Münze (was man weder muss noch sollte), am besten im Geschäft mit industrieller Infrastruktur.

Jeder weiß, dass das sowohl geographisch als auch von den Zielkunden her die Bereiche sind, in denen Korruption nun mal zum Geschäft gehört. Selbst im guten alten Europa (von den USA ganz zu schweigen) ist bei Infrastrukturinvestitionen im Transportwesen oder bei Ver- und Endsorgung die Korruptionsdichte am höchsten. China, Indien, Russland, Ägypten oder Dubai führen das internationale Korruptionsranking an. Wir haben die Ausrichtung auf die Megatrends bereits als Rückzug auf den guten alten Behördenmarkt bezeichnet. Man hätte angesichts der Zielmärkte auch sagen können: Rückkehr zum massenhaften Einsatz nützlicher Aufwendungen, ein Begriff, unter dem Bestechungsgelder im Ausland bis 1999 steuermindernd geltend gemacht werden konnten.

Immerhin verweist die Berliner Zeitung (20.11.) wenigstens drauf hin: „Bis Ende der 90er Jahre war es für deutsche Konzerne faktisch legal, im Ausland zu bestechen. Sie durften die gezahlten Schmiergelder sogar als so genannte "nützliche Aufwendungen" von der Steuer absetzen.“ Und fährt fort: „Nebenbei wird so vor den Augen der Öffentlichkeit auch die Frage erörtert werden, ob ein Weltunternehmen wie Siemens ohne Zahlung von Bestechungsgeldern überhaupt Chancen hat, an viele Aufträge aus Entwicklungsländern heran zu kommen. So baut Siemens seit Jahren Handynetze in Saudi-Arabien auf - ein Land, das zusammen mit dem Nachbarn Ägypten ganz oben auf der jüngsten Korruptions-Messliste von Transparency International gelandet ist. Noch schlimmer sind die Zustände in zwei anderen Ländern, aus denen jetzt von der Staatsanwaltschaft untersuchte Aufträge für Siemens kamen: Vietnam und Indonesien. So reiste Heinrich von Pierer 2003 mit dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) nach Vietnam und Indonesien. Auch dort vernetzte Siemens entlegene Dörfer mit Festnetzanschlüssen oder baute Handynetze aus.“

Man muss sich also irgendwie entscheiden zwischen Business Conduct Guidelines und Business Excellence. Die Financial Times Deutschland (20.11.) meint aus dem Hause Siemens gehört zu haben: “In Konzernkreisen ist man sich der Tatsache bewusst, dass sich der Fall noch ausweiten könnte. Man hofft hier auf einen säubernden Effekt: "Die Lawine ist ins Rollen gekommen, und sie ist nicht mehr aufzuhalten. Aber wenn sie unten angekommen ist, ist der Hang frei", heißt es aus dem Umfeld des Aufsichtsrats“. Um dann im gleichen Atemzug zu zitieren: „Branchen-Analyst Theo Kitz vom Bankhaus Merck Finck sieht die Vorfälle nüchtern: "Ich vermute, dass alle großen Anlagenbauer in irgendeiner Form Reserven für Geschäfte im Nahen Osten und Ländern wie China und Russland haben. Das ist Teil des normalen Infrastrukturgeschäfts. Da läuft ohne Bakschisch kaum etwas, wenn Sie im Markt führend sein wollen."

Ein Schönes Bild mit der Lawine, nur was wird dann auf dem freien Hang sichtbar? Die tiefe Moralität der megatrendigen Märkte, oder die der megatrendigen Globalisierer? Die FTD weiter: „Mitte der 90er-Jahre war Siemens der internationalen Organisation zur Korruptionsbekämpfung "Transparency International" beigetreten. Die Mitgliedschaft liegt wegen früherer Korruptionsfälle schon seit einiger Zeit auf Eis. "Siemens ist suspendiert, weil wir in solchen Fällen prüfen, ob ein Konzern zu den Wegguckern oder zu den Bemühten gehört", sagt Transparency-Vorstand Caspar von Hauenschild.“. Das lässt auf letzteres schließen.

Siemens hat bislang auf jeden Fall keinerlei Bemühungen gezeigt, sich um die Verheerungen, die es nun mal mit sich bringt, wenn man den Profit im Osten sucht, auf anderen Feldern zu begrenzen. Man tut erschreckt über das Bekanntwerden von strafverdächtigen Verfehlungen einzelner, denkt aber nicht darüber nach, dass diese systematisch bedingt sind durch die Natur von Geschäft und Kunden. Aber man wird jetzt doch wohl fragen dürfen, warum es bei Siemens kein so genanntes Framework Agreement gibt, in dem man sich gegenüber der Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD) verpflichtet, solche Petitessen wie die Normen des International Labour Office (ILO) für Arbeitsrechte und Arbeitssicherheit im internationalen Geschäftsverkehr einzuhalten und dies auch bei Zulieferern wirksam zu kontrollieren.

Von Menschenrechten wollen wir gar nicht anfangen. Angesichts der verheerenden Folgen von Wanderarbeit, der Vergiftung der natürlichen Ressourcen in China oder Indien, wo es in weiten Landstrichen kein Trinkwasser mehr gibt, ist das Anpassen an das landesübliche Geschäftsgebaren doch nun wirklich kein Aufreger. Globalisierung ist Globalisierung und kennt keine Moral. Da bleiben die Hände nun mal nicht sauber. Wer ständig Spitzenrenditen und Marktöffnung predigt, sollte da nicht den Herodes machen.

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