Siemens Dialog
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16.04.2024, 04:04 Uhr

Kommunikation aus dem Ruder gelaufen

  • 02.06.2014
  • Allgemein

Zum Vatertag gerieten deutsche Medien in Sachen Siemens aus dem Häuschen. In einer Art Schneeballeffekt verkündeten sie flächendeckend, die jüngsten Restrukturierungspläne würden laut Joe Kaeser 11.600 Arbeitsplätze kosten. Was sich letztlich als Falschmeldung erwies, beruhte vor allem auf mangelhafter und zu schneller Kommunikation.

Rauschen im Blätterwald.

Abbau-Bombe aus heiterem Himmel ...

Wer auf der Arbeitnehmerseite mit Siemens zu tun hat, konnte sich von Donnerstag Abend bis Freitag Mittag glücklich schätzen, wenn er oder sie unerreichbar war. Die Handys hörten anderenfalls nicht auf zu klingeln, die Nachricht schlug, vielleicht auch aufgrund des Feiertages, ein wie eine Bombe. Unter Siemens-Beschäftigten stieg die Unruhe, Arbeitnehmervertreter waren zunehmend irritiert.

Detaillierte Fakten gab es allerdings kaum, und obendrein noch durch ungenaue Übersetzungen verfälscht. Was im Wesentlichen verbreitet wurde: Kaeser habe laut einer Bloomberg-Meldung im Rahmen einer Analystenkonferenz in New York erklärt, der Restrukturierung fielen 11.600 Stellen zum Opfer. Einige wenige Medien ergänzten erläuternd, 4.000 davon entfielen auf die bereits im November 2013 angekündigte Auflösung der Cluster-Struktur; die Mehrheit beschränkte sich auf den Tenor "Siemens baut 11.600 Stellen ab" - im Zeitalter der Online-Medien geht Tempo meist vor Genauigkeit.

... erwies sich als medialer Blindgänger ...

Was stimmt: Tatsächlich nannte Kaeser erstmals Zahlen, nämlich 4.000 Stellen im Zuge der Cluster-Auflösung und 7.600 im Rahmen der Anfang Mai vorgestellten Umstrukturierung. Dabei sprach er allerdings nicht von Stellenabbau, sondern generell von betroffenen Stellen. In diesem Zusammenhang verwies er auch grundsätzlich auf die Möglichkeit, betroffene Beschäftigte auf anderen Stellen einzusetzen.

... mit nachträglicher Entschärfung

Die erreichbaren Unternehmenssprecher waren offenbar ebenso von der plötzlichen und heftigen Medienreaktion überrascht wie die Vertreter der Arbeitnehmerseite. So dauerte es geraume Zeit, bis die tatsächlichen Aussagen am Freitag allmählich durchsickerten und der Sturm im Blätterwald abflaute. Kaeser selbst reagierte noch am selben Tag mit einem Brief an alle SiemensianerInnen und betonte: "Die Meldungen sind so nicht richtig bzw. völlig falsch ausgelegt!"

Was man aus dem Vorfall, der stark an die letzten Kommunikationspatzer zu "Siemens 2014" erinnert, lernen kann:
- Informationen in so heiklen Zusammenhängen wie einem Stellenabbau kann man gar nicht zu präzise und sorgfältig formulieren.
- Die Beschleunigung und Vervielfältigung von Nachrichten in Breitbandgeschwindigkeit hat auch ihre Schattenseiten.
- Und vor allem: Wer im Urlaub und am Wochenende sein dienstliches Smartphone nicht ausgeschaltet lässt, kann das hin und wieder ganz schön bereuen.