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20.06.2024, 05:06 Uhr

Bluffen bei der Ausbildungsbilanz

  • 06.09.2010
  • Jugend

Dass man die Ausbildungsbilanz je nach Bewertung der statistischen Methoden mit Vorsicht betrachten muss, ist mittlerweile bekannt. Eine Überraschung hingegen ist das Ergebnis eines Tests des DGB: Bei vielen mitgezählten Ausbildungsangeboten in Stellenbörsen der Industrie- und Handelskammern handelt es sich offenbar um reine Luftnummern.

Online-Lehrstellenbörse: viel Angebot, wenig Substanz.

Weniger freie Stellen als behauptet

Zum Start des Ausbildungsjahres überprüfte die <link http: hessen-thueringen.dgb.de jugend _blank external-link-new-window>undefinedhessische DGB-Jugend das Angebot freier Plätze in der <link http: www.ihk-hessen.de ag themen berufliche lehrstellenboersen _blank external-link-new-window arbeitsgemeinschaft>undefinedOnline-Lehrstellenbörse der Hessischen Industrie- und Handelskammern. Die gründliche Auswertung führte zu einem Ergebnis, das Anke Muth, Leiterin der hessischen DGB-Jugendabteilung, als "verheerend" bezeichnet: "Erstens gibt es lange nicht so viel freie Ausbildungsstellen wie noch vor zwei Wochen behauptet. Zweitens sind die meisten freien Stellen erst für das nächste und nicht für das beginnende Ausbildungsjahr. Drittens sind von denen, die tatsächlich noch in diesem Jahr beginnen können, sehr viele mittlerweile schon besetzt, werden aber im Internet trotzdem noch angeboten."

In Zahlen aufgeschlüsselt boten die zehn hessischen Industrie- und Handelskammern in der 34. Kalenderwoche insgesamt 1.509 Lehrstellen online an, von denen aber gerade einmal 373 tatsächlich in diesem Jahr zu besetzen waren. Als DGB-MitarbeiterInnen für rund ein Drittel (138) dieser Angebote telefonisch Kontakt mit den Unternehmen aufnahmen, waren sage und schreibe 103 bereits vergeben - aber nach wie vor online ausgeschrieben.

Luftschlösser für die Öffentlichkeit

Besonders kritisch ist, dass die IHK die Angebote ihrer Stellenbörsen als Grundlage der Ausbildungsbilanz nutzen. Im Klartext: Vermeldet die Arbeitgeberseite bei der turnusmäßigen Analyse der Ausbildungssituation munter ein reiches Angebot freier Lehrstellen, handelt es sich offenbar oft um reine Luftschlösser.

Obendrein vervielfältigt sich die verfälschende Wirkung der Zahlen noch um eine weitere unbekannte, aber wesentliche Größe. Zahlreiche Firmen nämlich bieten ihre Stellen über mehr als ein Portal an. Taucht ein Ausbildungsplatz also beispielsweise in fünf Börsen auf, wird er auch fünfmal gezählt. Bietet ein solches Unternehmen dann auch noch mehrere Stellen an, geht die Zahl der gezählten Schein-Angebote munter in die Höhe.

In der medialen und politischen Diskussion führen derlei Verhältnisse zwangsläufig zu einem verzerrrten Bild, das die Positionen derer stützt, die staatliche Regelungen mit dem Motto "alles bestens, keinerlei Handlungsbedarf" verhindern wollen. Muth hingegen kritisiert: "Diese falschen Zahlenspiele gehen zu Lasten der jungen Menschen, die einen Ausbildungsplatz suchen. Ihnen wird medial permanent suggeriert es sei genug für alle da, man müsse nur flexibel sein und sich kümmern."

Standard oder Sonderfall?

Auslöser der Analyse durch den hessischen DGB war eben diese aktuelle Suggestion in den Medien. Handelskammern und Arbeitgeberverbände klagen über mangelnde Bewerber und reden zuweilen gar von einem Überangebot an Lehrstellen - die Wirklichkeit aber sieht offenbar weit weniger glänzend aus. Entsprechende Analysen anderer Bundesländer liegen zwar nicht vor, es scheint jedoch unwahrscheinlich, dass mit Hessen durch reinen Zufall ein Einzelfall untersucht wurde.

Nicht nur beim DGB in Hessen steht nun genau diese Frage im Raum. Muth bezeichnet die dortige Praxis als Irreführung: "Es ist einfach glattweg gelogen, was da gemacht wird. Das ärgerliche ist, das viele MedienvertreterInnen das Spiel mitspielen und solche Zahlen im Sinne eines kritischen Journalismus nicht eigenständig hinterfragen." Die logische Schlussfolgerung: "Ich fände es spannend, so eine Befragung bundesweit zu machen und mal zu sehen, ob dann tatsächlich 20.000 freie Stellen rauskommen."

Auch ein interessanter Ansatz wäre es, müssten die Unternehmen oder die IHK sämtliche Ausbildungsstellen zwingend an die Arbeitsagenturen melden. Das allerdings weisen sie nach Kräften von sich, würde ihnen damit doch ein liebgewordenes Argument entzogen, so Muth: "Ich denke, es hilft ihnen in der politischen Argumentation, denn immer wenn die Zahlen der Arbeitsagenturen veröffentlicht werden retten sich die Arbeitgeber bei fehlenden Stellen hinter der Argumentation, bei der Agentur seien ja längst nicht alle Stellen gemeldet."


<link http: hessen-thueringen.dgb.de presse _blank external-link-new-window>undefinedPressemeldung des hessischen DGB