Siemens Dialog
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17.07.2024, 13:07 Uhr

"Siemens light"

  • 07.07.2010
  • Allgemein

SMART-Produkte für die BRIC-Märkte - auf diese Formel lässt sich eine Siemens-Strategie komprimieren, die in Deutschland vielen Unbehagen verursacht. Die neue Wunderinitiative nämlich bedient nicht nur die Nachfrage in den Schwellenländern, sondern verlagert komplette Wertschöpfungsketten, was ganz nebenbei auch die bisherigen Heimvorteile Forschung und Entwicklung in den Sog nach Osten zieht.

"Sprachrohr der deutschen Asienwirtschaft"

Eine ausführliche <link http: www.welt.de wirtschaft article8299722 wie-siemens-deutschland-den-ruecken-kehrt.html _blank external-link-new-window>undefinedReportage der "Welt" zu diesem Trend überschreiben die Autoren recht treffend "Wie Siemens Deutschland den Rücken kehrt". Da passt es natürlich glänzend, dass der Vorstandsvorsitzende Peter Löscher soeben zum neuen Vorsitzenden des Asien-Pazifik-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft (<link http: www.asien-pazifik-ausschuss.de _blank external-link-new-window>undefinedAPA) berufen wurde, der sich als "Sprachrohr der deutschen Asienwirtschaft gegenüber der Politik in Deutschland und in den asiatischen Partnerländern" begreift.

Nach unten angepasste Produkte ...

Die "Welt" schildert die SMART-Initiative an den Siemens-intern bereits seit längerem gern zitierten Beispielen von Healthcare-Produkten. In Indien und China haben die Siemens-Geräte einen erstklassigen Ruf, sind aber auf dem hierzulande üblichen technologischen Stand zum einen unnötig komplex und leistungsfähig, zum anderen schlicht zu teuer. "Siemens light", wie die "Welt" SMART nennt, soll mit nach unten angepassten Produkten Abhilfe schaffen.

... ziehen Forschung und Entwicklung mit

Das wäre alles noch nicht wirklich neu, würde dabei nicht erstmals auch der bisher fest mit Deutschland beziehungsweise Europa verknüpfte F&E-Bereich mit in die Zielländer abgezogen. "Wir müssen für die Schwellenländer günstigere Produkte entwickeln, und zwar vor Ort. Denn die Leute im Land wissen am besten, was die Kunden dort wünschen", zitiert die Zeitung den Leiter von Corporate Strategies, Roland Busch. Und Löscher selbst sieht das fast noch absoluter. Diese Art Produkte habe man vorher nicht anbieten können, und: "In Deutschland wären sie auch nie entstanden."

<link http: en.wikipedia.org wiki reverse_innovation _blank external-link-new-window>Reverse Innovation in Reinform

Zumindest diese Aussage weckt allerdings mittlwerweile gewisse Zweifel, betrachtet man das ebenfalls vielbeachtete Beispiel des in China entwickelten Computertomographen. Das vergleichsweise preiswerte "Light"-Gerät fand angesichts leerer Kassen im Gesundheitssystem schnell auch in Deutschland reichlich Interessenten und steht mittlerweile in zahlreichen Praxen. Gerade in Zeiten, in denen Investitionkosten auch in der Entwicklung gnadenlos auf den Prüfstand schneller Rendite gestellt werden, wirft das eine Frage auf: Gräbt man sich mit smarten Produkten selbst das Wasser zu echter Innovation ab?

Siemens Answers?

Betriebsräte und IG Metall bei Siemens haben im Grundsatz nichts gegen die Erschließung der weniger anspruchsvollen Märkte mit "bodenständigen" Produkten einzuwenden. Ihre Kritik setzt an anderer Stelle an: Die SMART-Strategie sieht keinen Ersatz für das vor, was in die BRIC-Länder abwandert. Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Lothar Adler bringt es nicht nur in der "Welt" auf den Punkt: "Wir befürchten, dass sich der ohnehin schon massive Personalabbau in Deutschland fortsetzen wird und auch Forschung und Entwicklung an den deutschen Standorten gefährdet sind." IG Metall und Gesamtbetriebsrat fordern daher schon seit langem eine tragfähige Strategie für die Beschäftigung in Deutschland - die Antwort darauf bleibt Siemens bislang schuldig.