Siemens Dialog
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14.06.2024, 23:06 Uhr

"Lähmschichten werden beseitigt"

  • 03.12.2007
  • Allgemein

Der Siemens-Betreuer der IG Metall und Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat Dieter Scheitor äußert sich im Interview mit dem "Manager Magazin" zur Entwicklung der vergangenen Monate und den Weichenstellungen der letzten Woche.

Nachfolgend einige Auszüge des Interviews, das Sie vollständig in der <link http: www.manager-magazin.de unternehmen artikel _blank>Online-Ausgabe "mm.de" nachlesen können.

Zu den Personalveränderungen im Aufsichtsrat:

mm.de: Herr Scheitor, nach dem Siemens-Vorstand steht nun der Aufsichtsrat vor dem Umbau. [...] Was ist der Hintergrund?

Scheitor: Ein Teil der Anteilseignervertreter erreicht bereits die Altersgrenze. Der ein oder andere dürfte außerdem eine Klage wegen der Korruptionsaffäre befürchten - vor allem vonseiten der US-Behörden. Das gilt insbesondere für Aufsichtsräte, die aus den USA kommen oder dort leben. Auf sie können US-Ermittler leichter zugreifen.

Zur bevorstehenden Restrukturierung:

mm.de: Am Mittwoch hat der Aufsichtsrat eine der größten Konzernreformen der Siemens-Geschichte beschlossen - und das einstimmig. Woher rührt das große Vertrauen in Peter Löscher und seine Umbaupläne?

Scheitor: Peter Löscher pflegt einen sehr vernünftigen Stil gegenüber der Arbeitnehmerseite. Er hat uns die Chance gegeben, die Interessen der Belegschaft einzubringen. Man darf nicht vergessen, dass noch vor einigen Monaten für Siemens  die realistische Gefahr einer Zerschlagung bestand. Der Druck der Finanzinvestoren war gigantisch. [...] In diesem Fall hätten wir auf die Barrikaden gehen müssen Für dieses Zerschlagungsszenario stand jedoch auch Löscher nicht zur Verfügung. Er hat sogar unseren Slogan aufgegriffen: Siemens ist und bleibt ein integrierter Technologiekonzern. [...]

mm.de: Das Management wird allerdings nicht umhinkommen, sich weiterhin von erfolglosen Bereichen zu trennen.

Scheitor: Gewiss gibt es ein paar Baustellen. Das gilt vor allem für Siemens Enterprise, das Kommunikationsgeschäft mit Unternehmen. Allerdings weiß das Management: Ein zweites BenQ kann und darf es nicht geben.

mm.de: Was erhofft man sich von der Fokussierung auf die drei Kernsektoren Industrie, Energie und Medizintechnik?

Scheitor: Herr Löscher hat recht, wenn er sagt, dass bei Siemens bislang eine Kultur der Verantwortungslosigkeit herrschte. Bislang fanden wir im höheren Management gewisse Lähmschichten vor. Diese Manager, die keinen klaren Verantwortungsbereich hatten, haben Entscheidungsprozesse lahmgelegt. Nun wurden die Führungsstrukturen gestrafft und klare Verantwortlichkeiten geschaffen. Die Lähmschichten werden beseitigt. Das führt hoffentlich dazu, dass der Konzern schneller und schlagkräftiger wird. Die neuen Vorstände haben jetzt die Chance, Entscheidungen wirklich bis nach unten durchzusetzen.

Zur Möglichkeit von Stellenabbau:

mm.de: Beschäftigte befürchten einen drastischen Jobabbau im Zuge der Reformen. 1,2 bis 2,4 Milliarden Euro will Löscher bis 2010 im Bereich Vertrieb und Verwaltung sparen. Wie viele Tausend Arbeitsplätze sind bedroht?

Scheitor: Das weiß noch keiner genau. Ich glaube jedoch, dass sich eher das mittlere und höhere Management Sorgen machen muss. Die normalen Mitarbeiter dürften weniger betroffen sein. Der Konzern wächst schließlich zweistellig bei Auftragseingang und Umsatz. Das muss irgendjemand abarbeiten.

Zur Korruptionsaffäre:

mm.de: Weiterhin wird der Siemens-Konzern von der Korruptionsaffäre gebeutelt. Wie lange dauern die Ermittlungen noch? Und was nützt das geplante Treffen Löschers und Crommes mit der US-Börsenaufsicht SEC?

Scheitor: Die Affäre ist für uns als Arbeitnehmervertreter momentan der größte Sorgenpunkt. Die Gefahr, dass Siemens sehr hohe Strafen drohen, ist nicht von der Hand zu weisen. Es ist sicherlich klug, wenn die Siemens-Spitze jetzt auf Tuchfühlung zur SEC geht. [...]

Die Arbeitnehmerseite hat sich keine Versäumnisse vorzuwerfen. Wir waren von Anfang an für eine rückhaltlose Aufklärung, ohne Rücksicht auf Verluste. Es stellt sich eher die Frage: Was ist mit den Aufsichtsräten auf der Anteilseignerseite, die vorher im Unternehmen tätig waren und dort ihre Drähte hatten? Ist es möglich, dass ihnen nichts aufgefallen ist? Das fällt mir schwer, zu glauben.